Die Geschichte der Tanzschule Bäulke in Kurzfassung

Konnte Mozart tanzen?

Die ADTV-Tanzschule Bäulke feierte 220-jähriges Bestehen.

Ob Wolfgang Amadeus Mozart tanzen konnte, ist nicht genau überliefert. Die Chance zum Tanzenlernen hätte er jedoch gehabt: Just als er »Don Giovanni« 1787 in Prag erstmals auf die Bühnenbretter eines Opernhauses brachte, führte der Stammvater des Hauses Bäulke, Musiker Emanuel Einolf, im nordhessischen Biedenkopf Tanzunterricht als Nebenfach ein. Das ist jetzt gut 220 Jahre her.

Sohn Georg wurde bereits ein weithin bekannter Tanzlehrer. Dessen Tochter Luise führte nach seinem Tod das Unternehmen weiter. Sie heiratete 1890 Theodor Bäulke und verlegte mit ihm die Tanzschule nach Gießen. Theodors Söhne Ewald und Theodor jun. arbeiteten schon bald für das Gießener Theater, Ewald sogar als Ballettmeister. Er choreografierte Singspiele und Operetten, die u. a. auch in Darmstadt, der damaligen Landeshauptstadt, aufgeführt wurden. Während Theodor jun. die Gießener Schule weiterführte, machte sich Bruder Ewald in Darmstadt selbstständig. Im Oktober 1933 begannen bei ihm in der damaligen Wilhelminenstraße die ersten elf Paare mit dem Tanzunterricht. Ewald Bäulke und seine Frau Anny waren nicht nur als Tanzlehrer, sondern auch als Turnierpaar erfolgreich. Zahlreiche nationale und internationale Erfolge trugen dazu bei, dass sich die Tanzschule bald zur bedeutendsten im südhessischen Raum entwickelte. Schon 1935 mussten die Bäulkes vergrößern; sie zogen in die »Loge« ein, die aber für die großen Abschlussbälle nicht ausreichte. Sie fanden in Darmstadts guter Stube, dem Saalbau, statt.

Aus Paris, wohin er während des Krieges als Soldat kommandiert war, brachte Ewald Bäulke bei einem Urlaub 1942 den Swing (samt dazugehörenden Schallplatten) mit. Weil so etwas damals verboten war, nannte er den Tanz diplomatisch »Kleiner Foxtrott« und führte ihn in den Zirkeln ein. Prompt erhielt Anny Bäulke nach dem Heimaturlaub ihres Mannes Gestapo-Besuch: Die Tanzschule wurde geschlossen. Die totale Zerstörung Darmstadts ging auch an der «Loge« nicht vorbei. So baute Ewald Bäulke mit Tochter Inge und Sohn Klaus eine Bühnen- und Steptanz-Show auf und tingelte bei US-Truppen. Wenn es vereinzelt mal “Unstimmigkeiten” mit den GI´s gab, dann legte er einfach die Platte mit der amerikanischen Nationalhymne auf, die GI´s standen stramm, salutierten und alles war wieder friedlich.

Nachkriegs-Stationen der Tanzschule waren ab 1946 die Sportplatz-Gaststätte des SV Darmstadt 98, das Braustübchen am Hauptbahnhof, die Lessingschule und ein studentisches Verbindungshaus in der Riedlingerstraße. Seinerzeit war es üblich, zum Unterricht jedes Mal ein Scheit Holz oder ein Brikett mitzubringen. 1949 kam die große Wende: Die Tanzschule Bäulke zog auf »Heiligkreuz« ein. Neue Impulse erhielt das Haus Bäulke, als am 8. Januar 1955 Horst Schubert auf Bahnsteig 10 des Darmstädter Hauptbahnhofs eintraf und auf »Heiligkreuz« im Kutscherhaus untergebracht wurde. Horst Schubert, mehrfacher Meister im Turniertanz in der DDR, hatte bei einem Kongress in Bad Kissingen Bäulke-Tochter Inge kennengelernt und sich rettungslos verliebt. Aus dieser einstigen Liaison ist eine große Familie geworden: Die Söhne Udo und Thomas stiegen ebenfalls ins Geschäft ein. 1980 heiratete Udo Schubert seine frühere Tanzpartnerin Gesine Waschnek. Im April 1983 kam Tochter Saskia auf die Welt, im Mai 1985 folgte dann Tochter Sinikka.

Zum 200jährigen Bestehen der Tanzschule Bäulke 1987 erhielt die Tanzschule die Silberne Verdienstplakette der Stadt Darmstadt. Bei der Jubiläumsveranstaltung spielte Udo Jürgens und das Pepe-Lienhard-Orchester vor 2000 begeisterten Besuchern auf. Jedoch musste die Familie im Jubiläumsjahr auch einen herben Schicksalsschlag verkraften: Horst Schubert, der einige Jahre zuvor auch ADTV-Präsident gewesen war, verstarb im September 1987 im Alter von nur 62 Jahren. 1995 hat Sohn Udo die Tanzschule übernommen. Tochter Sinikka hat im Juli 2008 die Prüfung zur ADTV-Tanzlehrerin abgelegt und wird damit die Darmstädter Tradition der Tanzdynastie ebenso weiterführen, wie dies in Bäulke-Tanzschulen in Gießen und Würzburg der Fall ist.